Smart Learning – Lernen in der digitalen Arbeitswelt

Smart Learning – Lernen in der digitalen Arbeitswelt

In der modernen komplexen Arbeitswelt ist Lernen und Weiterbildung zentral, um den Anschluss an neueste Entwicklungen und Veränderungen nicht zu versäumen. Verantwortlich für den Bereich Bildung und Lernen ist eigentlich HR – aber tatsächlich ist HR vor allen Dingen in Themen der Digitalen Transformation und Social Business derzeit eher reaktiv als aktiv unterwegs. Dies hängt mit dem schwachen Reifegrad der Funktion HR in der Arbeitswelt 4.0 zusammen. Thomas Flum entwickelt mit seiner Firma equeo moderne Weiterbildungsmöglichkeiten für die Arbeitswelt 4.0. Ich habe ihn zum Interview getroffen, um mich mit ihm über Smart Learning und die neuesten Entwicklungen in Sachen digitalem Lernen auszutauschen.

 

Interview mit Thomas Flum zum Thema Smart Learning

Hallo Thomas, schön, dass du Zeit für unser Gespräch gefunden hast. Vor kurzem hat Henning Kagermann geschrieben, dass Industrie 4.0 eine Renaissance des E-Learnings bedeuten wird. Wie siehst Du die Entwicklung des Lernens in der Digitalen Transformation?

E-Learning in Unternehmen war oder ist teilweise immer noch in einer verstaubten Ecke: Langweilige, lineare Kurse, deren Sinn oft nur darin besteht, einen Nachweis oder ein Zertifikat zu erwerben. Meist sind die Inhalte leider auch weit weg von den Anforderungen des realen Arbeitsalltags. Eine Renaissance des E-Learnings kann es aus meiner Sicht nur geben, wenn wir E-Learning viel stärker als bisher direkt in den Arbeitsalltag und die Arbeitssituationen integrieren.

Thomas Flum, smart learning

So könnte sie aussehen, die smarte Lerneinheit. (Bild: © Thomas Flum)

Hast Du dazu ein Beispiel?

Ja, z.B. aus dem Umfeld „Industrie 4.0“: Ein Mitarbeiter in einer Fabrik bearbeitet in fünf Minuten eine kleine Lerneinheit auf seinem Smartphone, das sich zuvor mit einer Maschine verbunden hat. Damit die Lerneinheit genau der Situation angepasst werden konnte, wurde der Zustand der Maschine übertragen und die Vorkenntnisse des Mitarbeiters wurden berücksichtigt. Das heißt, die Lerneinheit ist in den Arbeitsalltag integriert und praxisnah. Das nenne ich „Smart Learning“.

Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren mit Lernen und Bildung und hast Smart Learning als neuen Begriff geprägt. Neues Bullshit Bingo oder frischer Wein in neuen Schläuchen?

Manchmal braucht man neue Begriffe, um sich von Bestehendem abzusetzen. Das didaktische Konzept von Smart Learning ist nicht neu: Schon vor über 20 Jahren gab es zum Beispiel Versuche, adaptive Lernsysteme zu bauen. Gescheitert sind diese Vorhaben, weil man versucht hat, das Thema ausschließlich mit Hilfe künstlicher Intelligenz zu lösen. Der Computer sollte so etwas wie ein menschenähnlicher Lernpartner werden. Viel sinnvoller ist es, wenn der Computer stattdessen einen passenden Lernpartner oder eine geeignete Lerngruppe vorschlägt. Oder wenn ein Lernsystem dabei hilft, einen passenden Lernweg zu finden. Der Computer, das Lernsystem, soll einem Anwender assistieren, anstatt ihn oberlehrerhaft zu gängeln.

Was genau ist dann Smart Learning?

Bei Smart Learning sind die Grenzen von Arbeiten und Lernen fließend. Deshalb gehen wir immer von kleinen Lerneinheiten, ca. fünf bis zehn Minuten aus, die an jedem Ort und mit jedem Gerät genutzt werden können. Das können z.B. kurze Videos sein, in denen jeweils genau eine Frage beantwortet wird – durch einen Experten oder eine Animation als Erklärung.

Und was, wenn ich genau auf meine Frage keine Antwort finde?

Dann kannst du im Social Learning Bereich nach Antworten suchen oder das System schlägt mir einen direkten Kontakt zu einem Experten vor. Smart Learning bedeutet also auch, dass Lernen nicht mehr ein Prozess von oben nach unten ist. Üblicherweise ist es ja so, dass die HR-Abteilung den Bedarf an Fort- und Weiterbildung analysiert und darauf reagiert, indem sie Inhalte bereitstellt. Beim Smart Learning lernen dagegen alle voneinander.

In der Industrie 4.0 und der Digitalen Transformation geht viel mehr Verantwortung auf den Mitarbeiter über. Was müssen Unternehmen tun, um Lernen darin zu integrieren?

Wenn mehr Verantwortung auf die Mitarbeiter im Arbeitsprozess übergeht, muss das auch bei der Weiterbildung gelten. Natürlich unterscheiden sich Mitarbeiter darin, wie viel Unterstützung sie brauchen, um sich eigenverantwortlich fortzubilden. Die Weiterbildung ist ein ideales Feld, um dieses Mehr an Verantwortung zu erproben. Dazu ist aber neben Vertrauen in die Mitarbeiter auch eine generelle Vertrauenskultur in den Unternehmen notwendig. Mittelständischen Unternehmen ist dies meist bewusst; in vielen Großunternehmen hingegen ist diese Vertrauenskultur in den letzten Jahren verloren gegangen. Höchste Zeit zum Umsteuern! Denn Veränderungen wird es nicht über Nacht geben.

Bis heute haben 70 Prozent der Unternehmen und Führungskräfte keine Ahnung, wie sie die Digitale Transformation angehen sollen und wie sie die Arbeitswelt 4.0 gestalten. Was müssen Unternehmen tun, um nicht den Anschluss zu verlieren?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass man den typisch deutschen Weg gehen möchte: Mit einer perfekten Planung Antworten auf alle Fragen der Zukunft erhalten. Wenn deutsche Unternehmen den Anschluss nicht verlieren wollen, müssen sie den Mut haben, mit Veränderungen zu beginnen, ohne dabei die vollständige Sicherheit über alle möglichen Ergebnisse zu haben. Sie müssen gewissermaßen wie ein Startup handeln. Dazu gehört auch eine hohe Flexibilität, um gegensteuern zu können, wenn etwas einmal nicht so läuft wie gedacht.

HR, die eigentlich Treiber für Bildung und Lernen sein sollten, hinken im Smart Learning weit hinterher. Was müssen HR tun, um aktiver Gestalter in diesem Bereich zu werden?

Das Selbstverständnis des HR-Bereichs muss sich bei vielen Unternehmen ändern: Nicht mehr alles vordenken, sondern moderieren und auf die Bedarfe schnell reagieren. HR muss seine Rolle im Unternehmen 2.0 finden und aktiv ausfüllen. Für HR ergeben sich dadurch neue Chancen, für die Unternehmen wieder einen wesentlich größeren Beitrag zur Wertschöpfung eines Unternehmens beizutragen, als HR-Prozesse möglichst kostengünstig zu managen.

Ein kurzer Ausblick: Was passiert aus deiner Sicht in den nächsten ein bis zwei Jahren in der Digitalen Transformation. Welche Rolle spielen deutsche Unternehmen darin?

Ich wünsche mir, dass Unternehmen die Digitale Transformation als zentrales Thema aufnehmen und entschlusskräftig nach vorne gehen. Dabei dürfen sie aber nicht vergessen – und wenn notwendig, sich wieder darin erinnern –, dass ihr Potential motivierte und selbstverantwortlich handelnde Mitarbeiter sind.

Lieber Thomas, herzlichen Dank für das Gespräch. Ich freue mich auf die weiteren gemeinsamen Themen und wünsche Dir viele Smart-Learning-Erfolge.

 

Über Thomas Flum

Thomas Flum, equeo, smart learning

Thomas Flum, Gründer und Geschäftsführer von equeo. (Bild: © Thomas Flum)

Thomas Flum hat bereits 25 Jahre Erfahrung im E-Learning-Bereich. Vor seiner Karriere als Unternehmer in Sachen Digital und Smart Learning war er in der analogen Welt pädagogisch tätig: Er unterrichtete Mathematik, Geschichte, Politik und Ethik am Gymnasium, bevor er sich bei der Nixdorf Computer AG zum Lernsystemanalytiker ausbilden ließ. Schon früh erkannte er das Potenzial des Internets und des Web 2.0 für das digitale Lernen und gründete 1995 das E-Learning-Unternehmen medialine GmbH, heute digital spirit GmbH. Seit 2003 ist er Vorstandsvorsitzender des Instituts of Electronic Business IEB in Berlin. 2008 gründete Thomas Flum equeo – das Unternehmen, mit dem er den Begriff “Smart Learning” prägt.

Quelle Titelbild: © rawpixel.com / shutterstock.com

2018-01-24T16:03:16+01:0016. Januar 2015|Agilität, Digitalisierung|0 Comments

About the Author:

Stephan Grabmeier
Ich bin Chief Innovation Officer bei Kienbaum Consultants International und verantworte die Kienbaum Innovations-Garage. Wir designen Dinge neu und sorgen für ein Upgrade der Organisation. Darüber hinaus begleite ich Vorstände bei deren digitalen Transformation und Kulturwandel zu New Work.

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