Der Dress Code – ein Relikt der Old Economy?

Der Dress Code – ein Relikt der Old Economy?

Die Kultur eines Unternehmens zeigt sich in vielen Facetten. Grundlage der Unternehmenskultur sind die Werte und Normen (Mehr dazu in meinem Post Werte sind für Unternehmen nicht nur moralisch wertvoll); Symbole, Rituale und sichtbare Zeichen der Unternehmenskultur sind aber mindestens ebenso wichtig – auf alle Fälle existent. Sie verdeutlichen die Identität eines Unternehmens nach innen und außen, bestimmen über Inklusion und Exklusion. Eine wichtige Rolle nimmt dabei der Dress Code ein. Denn unsere Kleidung ist Ausdruck unserer Identität: Persönlich und als Teil einer Gruppe.

Der Dress Code zeigt: Ingroup oder Außenseiter

Ein Dress Code ist ein Symbol für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe – oder zu einem Unternehmen. Beziehungen und Verhaltensweisen innerhalb der Organisation zeigen sich ebenfalls im Dress Code. Denn der Dress Code symbolisiert Inklusion oder Exklusion: Wer sich nicht an Kleiderordnungen hält, wird schief angeschaut, er gilt als „underdressed“ und nicht vertraut mit den spezifischen Codes der Gruppe. Die Einhaltung eines Dress Codes wird stillschweigend erwartet, ganz gleich, ob es sich um eine gesellschaftliche, eine private oder eine berufliche Situation handelt. Kaum jemand wird mit Jeans in die Oper gehen oder mit Jogging-Hose zum Vorstellungsgespräch. Trotzdem: Dress Codes lockern sich zusehends, nicht nur in der New Economy. Das ist Ausdruck einer Kulturtransformation, Macht und Statussymbole brechen weiter auf.

Krawatten sind klar Old Economy

Seit der Jahrtausendwende gelten Krawatten als Symbol der Old Economy, als Leine, die Mitarbeiter fesselt und derer sie sich dringend entledigen müssen. Bei Zappos hängen sie abgeschnitten im Flur. Die Botschaft: Wir schauen nach vorn, Vorschriften für unsere Mitarbeiter – egal ob Dress Code oder Schreibtischgestaltung – halten wir für kontraproduktiv!

Die Top-Positionen in der New Economy und in agilen Unternehmen sind mit Krawattenlosen besetzt. Der verstorbene Steve Jobs trat immer nur in Jeans und im schwarzen Rollkragenpullover auf. Die Google-Bildersuche „Mark Zuckerberg Krawatte“  zeigt Zuckerberg auf dem Hochzeitsfoto oder beim Treffen mit dem US-Präsidenten Barack Obama mit Krawatte – sonst aber immer im lässigen T-Shirt. Und: Zumindest ein wenig Diversity gibt es mittlerweile auch im Top-Management. Die Yahoo-Chefin Marissa Mayer verbannt Krawatten. Ein gewagter Schluss daraus: Krawatten-Vorschriften sind sexistisch!

Auch konservative Unternehmen lockern den Dress Code

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Mit modernen Unternehmenskulturen lockern sich auch die Dress Codes. (Bild © Rawpixel – Fotolia.com)

In Unternehmen lockert sich der Dress Code – und zwar nicht nur in der New Economy. Weniger Vorschriften, mehr Eigenverantwortung für die Mitarbeiter, Luft zum Atmen statt halsabschneidende Krawatten – das ist die Botschaft, die von der neuen Kleiderordnung ausgeht.

Auch bei Bosch will man moderner, innovativer und weniger paragraphenreiterisch werden. Die SZ titelte dazu weg mit den Krawatten. Der neue Chef Volkmar Denner hat erkannt, dass Überkorrektheit geistig unflexibel macht. Das ist ein großer Nachteil in schnell innovierenden Märkten und im Umgang miteinander. Die Lockerung beim Dress Code sind also der sichtbare Ausdruck einer Kulturtransformation und eines offenen mindsets.

Neue Töne bei der Telekom

Locker will sich auch die Deutsche Telekom machen – bei den Investorentagen 2015 im Februar trat die Vorstandsetage samt und sonders ohne Krawatte auf. Nicht nur der Dress Code war locker, auch der Umgangston – allerdings waren die Investoren darauf weniger vorbereitet. Der Deutschland Vorstand Niek Jan van Damme erntete für seinen Coffee-Shop-Witz zu Beginn seiner Präsentation keine Lacher.

Quelle: deutschetelekom / YouTube

Auch wenn die Bemühungen der Telekom-Spitze bei den Investoren eher auf Erstaunen bis Befremden stießen: Die Absicht von Telekomchef Timotheus Höttges, steife und unangenehme Treffen zwischen Großinvestoren und Spitzenmanagement aufzulockern und vielleicht sogar ein bisschen spaßig zumachen, ist löblich. Denn es zeigt, dass das Unternehmen nicht an tradierten Rollenmustern und Hof-Protokollen klebt wie es schon eh und je in den klassischen Unternehmen lief, sondern mutig nach vorne schauen und sich selbst und generell die Kulturen im Business verändern will. Ich durfte für den damaligen CEO der Deutschen Telekom Rene Obermann arbeiten. Ein stest gut gekleidert und sehr lässiger CEO eines DAX 30 Konzerns – Krawatten mussten zwar manchmal sein, aber für ihn galt meist die Devise locker machen.

Slipper und Goldknöpfe verbannt bei Axel Springer

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Screenshot aus Axel Springer Präsentation, Quelle Spiegel 25.3.1013

Einer der ehrwürdigen Konzerne der Verlagsbranche, der vorzeigt wie stark sich der digitale Wandel auf die Kultur und auch auf den Dresscode auswirkt, sieht man bei Axel Springer.

Seit die Mitarbeiter, begonnen vom Top Management durch ihre Silicon Valley Trips gemerkt haben, dass die tradierten Statussymbole wie goldknopfbesetzte Sakkos/Blazer, glatt gegelte Haare und Slipper Relikte der Vergangenheit sind, durchlebt das Unternehmen eine spannende kulturelle Metamorphose.

Bildhaft im wahrsten Sinne des Wortes wurde dies beim Chefredakteur der Bild Zeitung Kai Diekmann. Der Konzern hat Krawatte und Goldknöpfe in den letzten zwei Jahren fast völlig verbannt. Der kulturelle Wandel und geschäftliche Erfolg in der Digitalen Transformation sprechen für die kulturelle Notwendigkeit.

Diversity Management und Dress Code

Die immer wichtiger werdende Fokussierung auf Diversity bringt uns dazu nicht nur in neuen Kulturen und Vielfätigkeiten zu denken sondern diese zu fördern. Dabei wird auch die political correctness immer wichtiger: Unternehmen kann es Kopf und Kragen kosten, wenn sie in den Verdacht geraten, sich ihren Mitarbeitern gegenüber rassistisch oder sexistisch zu verhalten – oder solche Kriterien bei der Personalwahl anzuwenden. Das ist auch ein schmaler Grat beim Dress Code: Religions- oder Geschlechtszugehörigkeit dürfen hier keine Rolle spielen. Z.B. darf der Dress Code Kopfbedeckungen nicht verbieten, da das Juden oder Muslime diskrimiert. Er darf auch Frauen nicht vorschreiben, Röcke zu tragen. (Mehr Infos dazu unter blogs.hrhero.com). Nutzt daher diese Vielfalt auch in der Kleidung, macht Euch locker, lasst Vielfalt zu, habt Spaß bei Euren Outfits und brecht aus den mentalen (Kleidungs-) Barrieren der letzten Jahrhunderte aus.

Kleidung ist Identität!

Wer als Unternehmer seinen Mitarbeitern vorschreibt, wie sie sich zu kleiden haben, der muss solche Faktoren unbedingt beachten, sonst drohen Klagen. Wer sich gar nicht vom Dress Code lösen will (oder z.B. aufgrund von Sicherheitsbestimmungen nicht lösen kann), der sollte Rationalität walten lassen: Keinesfalls mehr Vorschriften als nötig! Denn ein Dress Code schränkt ein. Mit unserer Kleidung und unserem Erscheinungsbild, zu dem auch z.B. Frisur, Tattoos oder Piercings gehören, drücken wir unsere Persönlichkeit aus. Als Unternehmen sollten Sie Ihre Mitarbeiter aber – im Sinne des Grundsatzes von Diversity Management – in ihrer Verschiedenheit und in ihren Eigenheiten annehmen und fördern. Was spricht dagegen wenn VorständeInnen mit Jeans und Sneakers in Vorstandssitzungen kommen – wer sollte sich daran stören, wenn Diversity und kulturelle Vielfalt nicht nur auf dem Papier stehen sondern auch wirklich gelebt werden? Daraus werden kulturprägende Momente, Sichtbarkeit und nicht nur Parolen auf Hochglanzbroschüren, die etwas vortäuschen, was durch konservative Kleidung unterdrückt wird. Also macht Euch locker und denkt mal drüber nach 😉

2018-01-24T15:44:01+01:0024. Juni 2015|Innovation, New Work|3 Comments

About the Author:

Stephan Grabmeier
Ich bin Chief Innovation Officer bei Kienbaum Consultants International und verantworte die Kienbaum Innovations-Garage. Wir designen Dinge neu und sorgen für ein Upgrade der Organisation. Darüber hinaus begleite ich Vorstände bei deren digitalen Transformation und Kulturwandel zu New Work.

3 Comments

  1. Avatar
    Jasmin Leheta 25. Juni 2015 at 19:14 - Reply

    Da das, was Sie sagen, die Grundlage meiner Arbeit als Styling Coach ist, gehe ich zu 100% konform mit Ihrem Artikel.

    Schluss mit den “Mogelpackungen”! Schluss damit, dass Menschen sich aufgrund einer unausgeprochenden vereinheitlichenden Kleiderordnung nicht trauen, ihre Leidenschaften, Kompetenzen und positiven Eigenschaften zur Schau zu tragen. Aber dazu zähle ich nicht nur den Krawatten- oder Schwarz-Zwang (wie bei Oberpollinger oder MAN in München), sondern auch die “Lässigkeits-Diktatur” mancher Medienunternemen, die eine Andersartigkeit genausowenig zulassen wie Banken bunte Anzüge.

    Es darf nicht mehr sein, dass meine Kunden und Kundinnen sich geradezu vor dem “ersten Mal” fürchten, an dem sie endlich das tragen, was sie nicht nur modeunabhängig einfach schön macht, sondern auch ihrem Wesen und ihrem Können entspricht.

    Den größten Erfolg habe ich übrigens bei Bewerbungscoachings, denn da zählt der erste Eindruck am meisten. Und wer da unverwechselbar und unvergesslich bleibt und neugierig auf mehr macht, darf auch gerne im Unternehmen bleiben!

    • Stephan Grabmeier
      Stephan Grabmeier 26. Juni 2015 at 6:50 - Reply

      Danke, Jasmin für die tolle Ergänzung und Sichtweise, kann ich ebenfalls nur bestätigen. Lass uns für die Vielfalt und Authentizität kämpfen und die Konformität und den Zwang aufbrechen. Das ganze ist ein rein mentales Thema und bedarf den Mut aller Menschen sich nicht in die engen Barrieren einvernehmen zu lassen.

      Beste Grüße
      Stephan

  2. Avatar
    Lukas 17. Mai 2016 at 17:11 - Reply

    Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Großkonzerne einen lockeren Dress Code fördern und finde die Entwicklung durchaus positiv. Gut gefällt mir dabei die Ansicht des Bosch-Chefs, dass ein antiquierter Dress Code und zu viele Regeln den Innovationsprozess behindern. Ich glaube auch, dass ein lockerer Dress Code viel eher auch zu einem lockeren Umgangston und einem verbesserten Gedankenaustausch führen können und sehe keinen Grund, warum Schlips oder Krawatte Indizien für Kompetenz sein sollten.

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