Chinesische Innovationspolitik und KI: „Das Potenzial bilateraler Kooperationen ist riesig“ – Markus Taube im Interview

Chinesische Innovationspolitik und KI: „Das Potenzial bilateraler Kooperationen ist riesig“ – Markus Taube im Interview

Chinas Bedeutung als Akteur auf den Weltmärkten und in der Weltpolitik steigt massiv. Vor allem die großen Investitionen in Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz (KI) sorgen dafür, dass Chinas Wirtschaft sich von der Plagiatsfabrik zu einem dem Treiber von Innovationen entwickeln will. Professor Markus Taube, Sinologe und Wirtschaftswissenschaftler mit engen Verbindungen nach China, zeigte in einem inspirierenden Vortrag bei den Petersberger Gesprächen Potenziale auf, wie wir von den Chinesen lernen und profitieren können und wie das chinesische System des Staatskapitalismus Innovationen aktiv fördert. Die chinesische Innovationspolitik nutzt alle Möglichkeiten, die Datenverfügbarkeit und das effektive Entscheidungssystem auf Kosten demokratischer Abstimmungsprozesse ihr bietet. Wir als Kienbaum sind selbst mit vier Standorten in Asien vertreten und arbeiten für globale und lokale Kunden, erleben diese Entwicklungen selbst hautnah. Ich freue mich sehr, dass ich nun die Chance habe, die Impulse aus der Bonner Expertenrunde in einem persönlichen Interview noch weiter zu vertiefen.

Chinesische Innovationspolitik: Trade-off zwischen Bürgerrechten und Effektivität?

Stephan Grabmeier: Herr Professor Taube, China will bis 2030 Weltmarktführer im Bereich KI werden und hat dazu umfassende Investitionsprogramme aufgelegt. Können wir in Europa mit unseren trägen demokratischen Entscheidungsprozessen in der Innovationspolitik überhaupt konkurrenzfähig sein?

Prof. Markus Taube: Die freiheitliche demokratische Grundordnung, auf die sich unsere Gesellschaft verständigt hat, ist ein Wert an sich und meines Erachtens nicht diskutabel. Aber – auch das muss uns bewusst sein – jede Wahlentscheidung bedeutet Einschränkungen und Kosten auf anderen Ebenen. Tatsächlich geht der demokratische Prozess pluralistischer Interessensvertretungen, Anhörungen und Entscheidungsfindungen mit einem Zeitaufwand einher, der deutlich über dem liegt, der in Gesellschaften notwendig ist, die von einer kleinen Elite zentral gesteuert werden.

Das heißt: Ja, wir sind im Vergleich zu China sehr viel langsamer, wenn es darum geht, sich abzeichnende Möglichkeiten voll zu ergreifen und vielversprechende Innovationspfade zu betreten. In diesem Sinne ist Europa aktuell noch sehr viel träger in der Erschließung der Möglichkeiten von KI als China.

Natürlich gilt aber die Überlegung, dass unsere langen Entscheidungsfindungsprozesse letztlich bessere, das heißt zukunftsfähigere, nachhaltige Ergebnisse hervorbringen, während in zentral gesteuerten Regimen Fehleinschätzungen und partikularinteressensgeleitete Entscheidungen mittelfristig große Schäden (z.B. im Sinne von Wohlfahrtsverlusten) hervorrufen können. Aber wir müssen uns auch bewusst machen, dass bei der Querschnittstechnologie KI Netzwerkeffekte zum Tragen kommen und schnell Pfadabhängigkeiten entstehen. Das heißt Akteure, die zuerst auf dem Markt auftreten, erlangen allein aus diesem Fakt, der Erste zu sein, langfristig wirkende Wettbewerbsvorteile. Umso zögerlicher wir jetzt agieren, desto schwerwiegender werden die mittelfristigen Konsequenzen sein.

Können wir im Westen etwas von der Innovationspolitik in China lernen?

Die deutsche Innovationspolitik ist grundsätzlich dicht an dem, was die OECD als state-of-the-art definiert. Deutschland verfügt über ein breit aufgestelltes System von Innovationsträgern, die in jeweils unterschiedlicher Gewichtung Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung betreiben. Auch die Überführung von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte und deren Umsetzung in tragfähige Geschäftsmodelle ist in den letzten Jahren in erheblichem Maße gestärkt worden.

Dessen ungeachtet können wir aus dem chinesischen Modell durchaus Impulse für eine Weiterentwicklung unserer Innovationspolitik ziehen. Gleichzeitig gilt aber, dass einige der entscheidenden Parameter, die die Dynamik der chinesischen Innovationspolitik derzeit ausmachen, aufgrund der unterschiedlichen gesellschaftlich-politischen (Demokratie) und wirtschaftlichen (wettbewerbsbasierte Marktwirtschaft) Ordnungsstrukturen schlichtweg inkompatibel sind. Die schnelle Entscheidungsfindung und diskretionäre top-down Steuerung ökonomischer Entwicklungsprozesse in China haben wir oben bereits angesprochen. Ein weiterer Aspekt betrifft aber auch die Verfügbarkeit von riesigen Datenmengen, die chinesischen KI-Unternehmen zum „Füttern“ ihrer selbstlernenden Maschinen zur Verfügung stehen. Erhebliche Teile dieser Datenpakete stehen deutschen Unternehmen aufgrund der staatlich garantierten Rechte auf Schutz der Privatsphäre („Datenschutz“) grundsätzlich nicht zur Verfügung. Aber nicht nur ist der Schutz der Privatsphäre in China deutlich geringer ausgeprägt. Der chinesische Staat ist sogar bereit, einzelnen Unternehmen Daten aus dem Bereich der öffentlichen Verwaltung (z.B. Ausweisdokumente, Passfotos, Justizdaten, etc.) zur Verfügung zu stellen, um ihre KI-Anwendungen zu optimieren. Undenkbar in unserer Gesellschaft. Da können wir nichts übernehmen.

“Verfügbare Daten besser nutzen”

Lernen können wir aber, dass, wenn die Verfügbarkeit von Daten das entscheidende Element zur Optimierung von selbstlernenden Maschinen und KI-Applikationen im Allgemeinen ist, die Politik sich auch um die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von Datensätzen bemühen sollte. Das Schlagwort „Datenschutz“ darf nicht zum K.O.-Argument werden. Stattdessen gilt es, gründlich abzuwägen, was in welchem Maße schützenswert ist. Dabei müssen wir grundsätzlich über Deutschland hinausschauen und – wenn es gegenwärtig auch schwierig erscheint – die gesamteuropäische Perspektive im Blick zu haben. Auch der KI-Sektor selbst sollte hier übrigens aktiv in einen Dialog mit der Bevölkerung einsteigen und Aufklärungsarbeit leisten.

Ein faszinierender Aspekt der chinesischen Innovationspolitik besteht auch in der zum Teil erheblichen „Unter-Regulierung“ innovativer Branchen. Der vom Staatsrat im Juli 2017 veröffentlichte „Entwicklungsplan für eine neue Generation der Künstlichen Intelligenz“ führt so z.B. aus, dass Anfänge einer sektorspezifischen Gesetzgebung und Regulierung sowie der Festschreibung von ethischen Normen für den KI-Sektor erst bis zum Ende der zweiten Strategische Planungsperiode für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz in China, das heißt bis 2025, erfolgen sollen. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass im KI-Sektor tätige chinesische Unternehmen noch mindestens sieben Jahre weitgehend unreguliert agieren, mit innovativen Technologien experimentieren und Geschäftsmodelle im Markt testen dürfen. Hierdurch erwachsen diesen Unternehmen Freiräume, die sie zur Optimierung technischer Lösungen und von Marktmodellen nutzen können.

Ein ähnliches Modell ist in London für den Fintech-Sektor eingerichtet worden. Ausgewählten Fintech-Start-ups wird hier in speziellen „regulatory sandboxes“ gestattet, erhebliche Teile der sehr komplexen Finanzmarktregulierung zu ignorieren. Ziel dieser Maßnahme der Innovationspolitik ist es, Fintech-Unternehmen einen Freiraum zu gewähren, in dem sie innovative Technologien und Geschäftsmodelle ausprobieren können, ohne Gefahr zu laufen, sofort unter der vollen administrativen Last der Finanzmarktregulierung zu kollabieren. Es wäre zu prüfen, inwiefern derartige „regulatorische Sandkisten“ nicht auch in Deutschland bzw. Europa geschaffen werden können und dann auch weitere Bereiche als nur den Fintech-Sektor umfassen können. Gerade der Bereich der KI-Anwender könnte von derartigen Arrangements in erheblichem Maße profitieren.

Chinabild: Fakten statt Klischees sind nötig

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Der Austausch mit China hilft, Vorurteile abzubauen – wie hier bei den Chinagesprächen des Konfuzius Instituts. (Bild: © Chinagespräche Metropole Ruhr 2018 / Konfuzius-Institut)

Wächst mit der Bedeutung und dem Selbstbewusstsein Chinas in der internationalen Politik und auf den Weltmärkten auch hierzulande das Interesse an China? Inwiefern sind unsere Vorstellungen von China mit der Realität vereinbar – und inwieweit ist das Bild, das wir haben, veraltet oder klischeebehaftet?

Aktuell habe ich eher den Eindruck, dass das Interesse an China wieder etwas abnimmt. In den letzten Jahren haben wir uns anscheinend daran gewöhnt, dass China mit exorbitanter Dynamik wächst und immer größere Bedeutung in der Weltgemeinschaft erlangt. Das faszinierende „Neue“ ist verlorengegangen.

Dessen ungeachtet bleibt das Chinabild in Deutschland meines Erachtens in erheblichem Maße von Klischees und selektiver Wahrnehmung geprägt. Manche Berichterstattung und Diskussion weckt den Eindruck, dass China durch getönte Gläser wahrgenommen wird. Gläser, die mal schlachtschiffgrau, mal schweinchenrosa eingefärbt sind. Wir brauchen mehr faktenbasierte Auseinandersetzung mit China – inklusive einem noch intensiveren und differenzierteren Dialog mit China und seinen Menschen selbst, um das gegenseitige Verständnis zu fördern. Das Wort „gegenseitig“ ist hier besonders wichtig. Denn das chinesische Bild von Deutschland und unserer Gesellschaft ist meines Erachtens noch deutlich stärker verzerrt und von falschen Annahmen belastet als umgekehrt. Wenn wir den deutsch-chinesischen Austausch stärken wollen, müssen wir an beiden Seiten ansetzen.

Sie beraten auch das BMBF als wissenschaftlicher Beirat in der Deutsch-Chinesischen Plattform Innovation. Machen Sie die Erfahrung, dass Ihre Vorschläge auch umgesetzt werden – oder stehen zu viele institutionelle Beschränkungen einer wirklichen Innovationsdynamik im Bereich KI entgegen?

Die deutsche Politik und der Regierungsapparat haben in den vergangenen Jahren enge Beziehungen zu den nationalen Forschungseinrichtungen und dem Unternehmenssektor aufgebaut. Hierdurch ist ein breiter Austausch möglich geworden, der es gestattet, dass letztere verstärkt Impulse setzen und Erfahrungswerte einbringen können. Die Umsetzung dessen folgt dann den etablierten Strukturen und Abstimmungsverfahren zwischen den verschiedenen Resorts. Dabei gehen sicherlich an manchen (Schnitt-) Stellen Information und strategisch/regulatorischer Fokus verloren. Dessen ungeachtet ziehe ich dieses System aber der zuweilen mit brachialer Gewalt agierenden Bürokratie Chinas eindeutig vor. Etwas mehr Mut zu politischem Unternehmertum wäre manchmal aber durchaus wünschenswert.

„Die Grundeinstellung der Chinesen zum Thema KI ist sehr viel positiver als unsere“

Wie könnten Deutschland und Europa von einer Kooperation mit China im Bereich KI profitieren? Gibt es hier bereits konkrete Ansätze oder Programme?

Das Potenzial bilateraler Kooperation und potenzieller win-win Konstellationen ist riesig. Trotzdem bleibt die Umsetzung schwierig, da die jeweils anliegenden Rechtsnormen noch starke Unterschiede aufweisen. Deutsche Vorgaben zum Schutz der Privatsphäre einerseits und chinesische Vorgaben zur Lokalisierung von Patentrechten sowie des Verbots grenzübergreifender Datentransfers stellen derzeit hohe Barrieren zur Umsetzung von Gemeinschaftsprojekten dar. Notwendig wäre hier zunächst die Schaffung gemeinsamer, transnational gültiger Ordnungsstrukturen und Standards, die ein Rahmenwerk für kooperative Unternehmungen bieten könnten. Das auf dem ASEM-Gipfel Mitte Oktober vorgestellte „Konnektivitätsprogramm“ der Europäischen Union und ihrer asiatischen Partner könnte hierfür eine gute Basis bilden.

Aktuell scheint das Schwergewicht der Kooperation darauf zu beruhen, dass deutsche Unternehmen in China mit Pilotprojekten auftreten und dort ihre KI-Applikationen durch die Nutzung in China generierter Daten zu optimieren versuchen. Sie nutzen China also als Experimentier- und Lernlabor. Dabei ist aber zu bedenken, dass selbstlernende Maschinen sich – frei nach dem Motto „man ist, was man isst“ – nach den Daten richten, die sie verarbeiten. Chinesische Daten führen zu „chinesischen“ Lösungen und sind nicht direkt auf deutsche oder europäische Bedürfnisse übertragbar.

Kooperation im Bereich von Chips und Hardware-Komponenten auf dem chinesischen Markt sind für deutsche Unternehmen von daher lukrativ, als sie hier auf einen großen Volumenmarkt treffen, der mit hoher Dynamik weiterwächst. Gleichzeitig wächst in diesem Bereich in China aber auch ein großer Pool von KI-Experten heran, der in puncto Forschungs- und Entwicklungsleistung bereits Fühlung zur Weltspitze aufgenommen hat. Hier gilt es durch geschickte Kooperationen langfristige win-win Konstellationen für deutsche und chinesische Unternehmen zu schaffen, die nachhaltig ausbalanciert sind. Es muss vermieden werden, dass – ähnlich wie wir es im klassischen Industriesektor vielfach gesehen haben – nach einiger Zeit deutsche Unternehmen von ihren chinesischen Partnern entweder aus dem Markt gedrängt oder übernommen werden.

In Deutschland und in Europa ist die Skepsis gegenüber KI weit verbreitet. Man hat Szenarien im Kopf, bei denen die Maschinen die Herrschaft über die Menschen übernehmen. Wie ist die Einstellung der Chinesen zum Thema KI?

Insgesamt ist die gesellschaftliche Grundeinstellung zum Thema KI sehr viel positiver als in Europa. In der KI wird in erster Linie eine Technologie gesehen, die Wohlstand schaffen kann. Nicht zu unterschätzen ist aber auch die von breiten Bevölkerungsgruppen geteilte (nationalistisch geprägte) Vision, mittels einer chinesischen Vorreiterrolle im Bereich KI die politische und ökonomische Bedeutung Chinas in der Weltgemeinschaft massiv stärken zu können.

Breite Bevölkerungsschichten in China sind letztlich sehr utilitaristisch eingestellt – was das Leben im Moment erleichtert, wird als gut bewertet. Probleme und Folgekosten, die sich erst mittelfristig einstellen, werden weitgehend ausgeblendet. In Europa diskutierte Dystopien, wie der totale Überwachungsstaat mit dem gläsernen Menschen – dem China übrigens mit dem „Social Scoring System“ mit atemberaubender Geschwindigkeit immer näher kommt – werden in China bislang kaum thematisiert. In den letzten Monaten scheint sich dies allerdings ein wenig zu wandeln. Die Chinesen entwickeln ein stärkeres Bewusstsein für die impliziten Gefahren.

Herr Professor Taube, herzlichen Dank für die umfassenden Einsichten in die chinesische Innovationspolitik. Weiterhin viel Erfolg in Ihrer Arbeit.

Über Professor Markus Taube

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Prof. Markus Taube (Bild: © Konfuzius Institut)

Professor Markus Taube hat den Lehrstuhl für Ostasienwirtschaft / China an der Mercator School of Management inne. Außerdem leitet er als Direktor die IN-EAST School of Advanced Studies an der Universität Duisburg Essen und ist Kodirektor des Konfuzius-Instituts Metropole Ruhr, wo er den Programmbereich Wirtschaft verantwortet.

2013 wurde er von der Stadt Tianjin, VR China, zum „One Thousand Plan”-Professor der Stadt Tianjin und zum „Outstanding Professor” der Nankai University, Tianjin, VR China (2014-2016) berufen. Er hält mehrere Gastprofessuren führender chinesischer Universitäten und ist amtierender Präsident der Euro-Asia Management Studies Association (EAMSA).

Markus Taube studierte Sinologie und Volkswirtschaftslehre in Trier und Wuhan (VR China) und promovierte an der Ruhr Universität in Bochum. Zwischen 1996 und 2000 arbeitete er am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München. Er ist Gründungspartner von THINK!DESK China Research & Consulting, München-Hongkong.

2018-11-03T11:25:17+02:003. November 2018|Digitalisierung, Featured, Innovation|0 Comments

About the Author:

Stephan Grabmeier
Ich bin Chief Innovation Officer bei Kienbaum Consultants International und verantworte die Kienbaum Innovations-Garage. Wir designen Dinge neu und sorgen für ein Upgrade der Organisation. Darüber hinaus begleite ich Vorstände bei deren digitalen Transformation und Kulturwandel zu New Work.

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